Die hohen Kosten der Tracht

 

Wie bereits erwähnt, waren die agrarwirtschaftlichen und technischen Neuerungen mit die Hauptgründe, die das Schwinden der Tracht verursachten. Im Hüttenberg lohnt jetzt nicht mehr die Selbstherstellung der Stoffe, und man läßt die alte Flachs- und Wollkultur schwinden. Wegen Mangel an Zeit und Geld werden in den Nachkriegsjahren billige Fertigwaren von Hausierern im Tauschhandel erworben. Die geringere Haltbarkeit der Stoffe macht nun die Vererbung der schönen Trachtenstoffe von der Mutter auf die Tochter als ein wichtiges erhaltendes Moment unmöglich. Man wurde jetzt gezwungen, die ganze Kleidung immer wieder vollkommen neu anzuschaffen. Hierzu fehlt jedoch das Geld, denn wenn man bedenkt, daß ein guter Tuchrock, auch wenn er selbst zugeschnitten wird, annähernd 30 RM. kostet, so kann man sich einen Begriff davon machen, was es heißt, allein 5 oder 6 solcher Röcke anzuschaffen. Man muß aber auch bedenken, daß es mit den guten Röcken allein nicht getan ist, denn da kommen noch eine Menge von geringerer Qualität und eine große Anzahl Unterröcke hinzu. Rechnen wir alsdann den Preis für etwa 15 Motzen, 12 Halstücher, 18 Schürzen, 15 Paar Strümpfe, die Unmenge der Seidenbänder und sonstigen Bänder hinzu, so fehlen uns immer noch die Schuhe, die Leibchen, Kragen, Hauben und die Dutzende von Hemden, die die Hüttenbergerin einst zur Aussteuer bekam. Nur der, der die Aussteuer einer jungen Frau gesehen hat, wird ermessen können, welchen Wert sie in ihrem Schrank birgt. Man ließ so die kostspielige Kleidung fallen und kleidete sich in ein städtisches Kleid, das die vielen Röcke, den Motzen und das Leibchen ersetzte und viel billiger und bequemer war. Mag auch das moderne Kleid der Prunksucht unserer Hüttenberger Frauen nicht ganz gerecht werden, so erkennen sie doch andererseits den geringeren Kostenaufwand und andere große Vorteile gegenüber ihrer Kleidung an.

  

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