Was kann der Erzieher innerhalb der Dorfgemeinschaft zur Wahrung des Brauchtums heute tun?

In Deutschland verlangen wir heute die Lehrerpersönlichkeit im Dorf, die einen rechten Bauernlehrer abgibt. Er muß sich in die Welt des Bauerntums einfühlen können, sich um sein inneres Verstehen bemühen und die wertvollen Kräfte wecken, zusammenfassen und in das Ganze der Erziehung hineinführen. .....

Setzt der Lehrer so alle seine Kräfte bei der Erziehung der Dorfjugend ein und arbeitet bewußt, auch außerhalb der Schulstube, hin zu einer echten Dorfgemeinschaft, so muß er auch die Wege und Möglichkeiten sehen, die diese Gemeinschaft auf Gedeih und Verderb aneinanderbinden. Nicht zuletzt gehören zur Erfüllung dieser Aufgaben die Weckung der Liebe zum örtlichen Volkstum und Brauchtum, die ganz besonders den Gemeinschaftsgeist fördern. 

Unsinnig und fast wahnsinnig wäre es jedoch, wollte man jetzt z.B. dem Lehrer in Ebersgöns die Aufgabe zusprechen, das Schwinden der Tracht zu verhindern.

Was kann ein Blatt am Baum dazu tun, daß der Baum nicht dürr wird, wenn die Wurzeln absterben! 

Auch die Wiederbelebung oder Neuschöpfung einer Volkstracht wird hier aussichtslos sein. Auch für die Hüttenberger hat man ein neues Volkstumskleid in hellgrauem Stoff hervorgebracht, das zum ersten Male von einer Mädchengruppe am 23. und 24. Juli 1939 in Hamburg zur Schau getragen wurde. 

Von diesen Versuchen verspreche ich mir keinen Erfolg; die Ursachen des Schwindens der hiesigen Tracht liegen zu tief, um hier entgegenarbeiten zu können. Es wäre falsch verstandene Liebe zum Volkstum, wenn wir meinen, wir müssen das einmal Vorhandene festhalten, anstatt den Dingen, die immer und ewig im Fluß sind, freien Lauf zu lassen. Die Aufgaben, die dem Erzieher daher zufallen, sollen folgend angeführt werden.

Es muß heute die Zeit vorbei sein, wo man die trachttragende Frau von der Jugend mit dem herbsten Spott überfällt und bei Maskierungen lächerlich macht. Schwinden schon die Personen, die die Tracht tragen, so brauchen noch lange nicht die alten Kleidungsstücke umgearbeitet, weggeworfen und verachtet zu werden. Man kann die kostbarsten und wertvollsten, die nicht mehr getragen werden, den Museen überweisen, die sie sehr gern und bereitwillig aufnehmen. 

Alles jedoch, was an vergangene Zeiten der Tracht erinnert, und was noch von ihr vorhanden ist, verdient aufgeschrieben zu werden.

Die Arbeit des Dorflehrers ist vielseitig und sehr umfassend, und wenn er auch hier die Augen aufhält, kann er manchem eine Anregung geben. Wenn er nicht selbst die Arbeit zu leisten vermag, so läßt sich doch durch die Schüler selbst hier viel wertvolles und uraltes Volksgut dem Vergessenwerden entreißen.

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Karl Reitz, den 2. August 1939

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Anmerkung: Karl Reitz sollte Recht behalten. Das Aussterben der Hüttenberger Tracht in Ebersgöns war nicht aufzuhalten. Heute - 2018 - trägt schon seit längerer Zeit keine Frau mehr Tracht im Dorf. Daher ist es mir ein Bedürfnis, durch die Veröffentlichung der Hausarbeit des viel zu früh verstorbenen Bruders meines Großvaters auf meiner Internetpräsenz das Wissen um die Hüttenberger Tracht der Nachwelt ein Stück weit zu erhalten.

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Copyright: Gerold Reitz, Ebersgöns

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