Die Hüttenberger Frauentracht ist in ihren ganzen Teilen soweit von der städtischen Modekleidung entfernt, daß ein allmählicher Übergang zum städtischen Kleid unmöglich ist. Man findet hier keine "Übergangstracht" von den "kurzen" Kleidern zu den "langen". Die Erwachsenen behalten daher ihre alte Kleidung, und die Jugend wächst in die neue hinein.

Von 130 Frauen gehen heute 88 in Tracht. Großmutter und Mutter tragen so hier im Dorf vielfach die Stümperkleidung (womit man die Tracht an sich bezeichnet), während die Tochter sich nach der neuesten städtischen Mode kleidet. Die Kleidung der verheirateten Frauen hat sich jedoch viel von ihrer ursprünglichen Art entfernt. Ob es jetzt der Stoff, die Farbe, Machart oder die früher streng eingehaltenen Gesetze und Gewohnheiten sind, in allem finden wir Abweichungen. Einzelne Stücke werden dagegen überhaupt nicht mehr getragen.

Ich möchte hier zuerst an die Ziehhaube denken, die man seit 1920 im Schrank aufbewahrt, auf die man ab und zu vielleicht ganz zufällig einmal einen Blick wirft und sich dabei an nie wieder-kehrende Zeiten erinnert. Ähnlich geht es heute der Maratze. Von vielen Frauen wird sie nur noch beim Abendmahlsgang getragen, beim sonntäglichen Gottesdienst binden sie hingegen das Halstuch um.

Die Bandhaube ist nach dem Weltkriege hier in Ebersgöns überhaupt nicht mehr getragen worden. Das Schwinden der Hauben liegt zum großen Teil daran, daß ihre Herstellung und Reinigung einer einzelnen Frau oblag, und diese weigerte sich aus Konkurrenzneid eine andere in ihr Geheimnis einzuweihen. Als nun diese Frau, die für die Ebersgönser in Pohlgöns wohnte, starb, war niemand mehr da, der die Hauben waschen und aufbügeln konnte.

Die Stoffe der alten Kleidung sind heute leichter und feiner, die Farben und Formen verraten die modische Beeinflussung. Das Hemd ist aus feinem Leinen, tiefer ausgeschnitten und mit Spitzen besetzt, die Röcke sind leichter, länger und reicher verziert, die Falten zahlreicher und länger. Heute genügen zwei bis drei Röcke, früher dagegen zog man bis zu 7 und 8 an. Die Wülste der Leibchen wurden dünner, am Leibchen selbst verschwand ein Teil der Versteifung, seine Ausschnitte am Hals und an den Armen wurden weiter. Der Kragen ist bei den jungen Frauen hier fast ganz verschwunden; sie tragen die "Dreiecke" an seiner Stelle. Der Motzen ist viel bequemer und weiter und besteht sonntags aus Samt oder Seide, werktags zieht man im Sommer sogar solche mit kurzen Ärmeln an. Die Haarfrisur ist lockerer geworden. Die blauen Strümpfe und auch die schwarzen mit ihren Zwickeln sind längst verschwunden. Beim "Aufbinden" der letzten Bräute fehlte sogar manches uralte Trachtenstück, oder man ließ einfach einzelne Teile weg. Die Braut auf dem Bild unten trägt sogar ein modernes Blumenbukett

Bild - Brautpaar Wilhelm und Erna Jung

Wie kleiden sich nun die Jugend und die Männer von Ebersgöns? (siehe nachff. Bilder)

Hochzeitsgesellschaft anlässlich der Heirat von Otto und Emma Hormel in Jahr 1938; an der Ziehharmonika mein Großvater Wilhelm Reitz

Die Hochzeitsgesellschaft, angeführt durch das Brautpaar Hormel, auf dem Weg von der Kirche zum Wohnhaus.

Was über die Männertracht zu sagen ist, ist schnell abgetan. Der Mann unterscheidet sich in seiner Kleidung in nichts mehr von dem städtischen Vorbild. Wohl ist sein Kleid etwas mehr nach Haltbarkeit und Einfachheit ausgerüstet, aber zeigt sich der Bauer in seinem "neuen Gewand", so hat der Anzug genau so die Bügelfalte, den Schnitt und die Qualität, wie der des vornehmen Herren. Wenn auch vor einigen Jahren die Hosenbeine noch enger und ohne Falten getragen wurden, so findet man das heute auch nur noch bei den älteren Männern. Die Werktagskleidung besteht aus einer Manchesterhose, dem blauen Kittel und der Batschkappe.

Die weibliche Jugend steht in nichts mehr bei ihren Kleidern der Stadtjugend nach. Ihre Kleider sind zum Teil auch aus Seide, Spitzengewebe und anderen Kunststoffen. Schuhe, Strümpfe und Wäsche sind nicht von der einer modernen Dame zu unterscheiden. Das Haar trug man bis jetzt fast ausnahmslos lang und im Nacken verknotet. Hier zeigt sich aber dieses Jahr der neueste Fortschritt im Dorf. Man läßt jetzt das Haar stutzen und in Wellen legen. Niemand kann heute ein Ebersgönser Mädchen in seinem Sonntagsstaat von einem städtischen unterscheiden, wenn er sich nicht gerade mit ihm unterhält und aus seinem Munde seine ihm eigene Mundart hört.

So wird nicht nur in der Tracht, sondern auch in der Lebensweise der Städter als Vorbild gewählt. Die Jugend trifft sich sonntags beim Sport, die Söhne der Bauern besuchen die höhere Schule in Butzbach, Gießen und Friedberg. Die Jugendlichen machen mit ihren Kameraden aus der Stadt Fahrten, wohnen in Zeltlagern, und schließlich führt ab und zu durch größere Reisen einzelne Dorfbewohner durch die größere deutsche Heimat und auf See. Ebenfalls schließen sich die Genossenschaft, die Frauenschaft oder eine Jungmännergruppe zusammen und unternehmen Reisen. Durch unzählige Adern fließt so neues Leben in das Dorf.

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