Auflösung der bäuerlichen Kultur

Die feste innere Form der Tracht, die trotz ihrem sich ändern vorhanden ist, gibt ihr bestimmte Wesenszüge und so die volkstümliche Prägung, die das enge Verhältnis des Bauern zur Scholle kennzeichnet. Sie erhält sich daher auch nur bei einem eingesessenen und festverwurzelten Bauerntum, der als Volksteil von den großen Weltbegebenheiten getrennt ist. Wie bereits anfangs erwähnt, ist die Tracht begleitet von den Wandlungen der Kultur, und wir dürfen daher auch den Einfluß der großen Modeepochen auf sie nicht ganz übersehen. Am deutlichsten treten solche Einwirkungen auf, wenn gewaltige kulturelle Erneuerungen auch die Welt des Bauern mit fortreißen. .....

 

Wenn jetzt, wie hier in meiner Heimat, die kleinen Güter durch den Erbgang immer mehr zerstückelt wurden, so zwangen diese schließlich noch zu anderen Verdienstmöglichkeiten, die zur Ernährung der Familie nötig waren. Industrieverdienst muß die Unwirtschaftlichkeit der kleinen Güter ausgleichen. Die Jugend sucht daher Arbeitsmöglichkeiten in den Fabriken der Stadt. Hand in Hand hiermit geht die Beseitigung der Abgeschlossenheit und die Berührung mit der städtischen Kulturwelt. Die Gewannfreiheit entbindet schließlich den einzelnen der Rücksichtnahme auf den Nachbar, während der Flurzwang den Gemeinschaftsgeist förderte. Mit diesen Reformen kommt dann die Technisierung der Landwirtschaft .

Dampf, Elektrizität verdrängen alte Acker- und Hausgeräte. Die Eisenbahn riß schließlich die letzte Schranke zwischen der Stadt und dem entlegenen Dörfchen nieder. Der Einfluß des Städtischen wird so immer stärker, und der Bauer verliert bald seine eigene geistige Struktur. Er lernt denken und fühlen wie der Städter, der ihm in allem ein Vorbild wird und kleidet sich schließlich auch wie er. Das Streben nach Gleichheit in der dörflichen Gemeinschaft tritt immer mehr zurück. Man stellt Vergleiche an zwischen dem Stadtbewohner und sich selbst und muß schließlich seine Rückständigkeit erkennen. Das hartnäckige Festhalten am Althergebrachten erlahmt, das Gemeinschaftsgefühl, das alle mit dem Grund und Boden der Väter verband, verschwindet und man läßt den Acker zum Spekulationsobjekt werden.

 

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