Für die Hüttenberger Tracht sind so gut wie keine geschichtlichen Überlieferungen vorhanden. Gemälde in Kirchen und an Grabdenkmälern zeigen wohl vielerlei Trachten, aber die Hüttenberger hat man bis jetzt noch nirgends dabei entdeckt. Die Trachtenstücke in den hiesigen Museen sind meistens aus jüngster Zeit, und ihre alten Bestandteile sind nicht sehr zahlreich und dazu unzuverlässig. Es soll auch nicht meine Aufgabe sein, die betreffende Kleidung in ihrer historischen Entwicklung zu schildern, aber manches könnte uns bei dem so prunkvollen Kleid durch seine Umbildung in seiner heutigen Form doch klarer werden.

Als im Jahre 1809 das Amtshaus des Hüttenberges in Langgöns niederbrannte, wurden auch sämtliche Urkunden und Schriften ein Raub der Flammen und erschweren so heute jede genauere Nachforschung.

Um im folgenden durch die übliche Bezeichnung der Kleidungsstücke verstanden zu werden, will ich hier zuerst einige kurz beschreiben: Das "Leibchen" (Bild)

Leibchen

der Hüttenberger Tracht ist ein enganliegendes Mieder, das sein Vorbild in der spanischen Tracht des 16. Jahrhunderts hat. Es ist tief ausgeschnitten und hat vorne an den schmalen Bruststücken eine Fischbeinversteifung. Zusammengehalten wird es durch eine Verschnürung auf der Brust. Am unteren Ende des Leibchens ist der Wulst (etwa in der Dicke eines Feuerwehrschlauches) angesetzt, der prall mit Wolle oder Werg gefüllt ist. Auf ihm werden die faltenreichen Röcke getragen. Der Hals der Frau wird von dem engen Stehbund des Kragens fest umschlossen, der über die Schultern bis in den Rücken reicht und mit seinen beiden verlängerten Teilen die Öffnung des Leibchens bedeckt. Er wird unter dem engen Mieder getragen. Der Motzen ist eine Jacke, die über das Leibchen angezogen wird und auf der Brust mit 3 Paar Bändeln oder Haken geschlossen ist . Die Schürze ist nach ihrem Schnitt ein Paralleltrapez, dessen kürzere Grundlinie oben liegt und durch deren Bund im Rücken über dem Wulst übereinander gehakt wird . 

Das Haar trägt die Hüttenberger Trachtenfrau als ein auf dem Oberkopfe liegendes Nest, dem sogenannten Schnatz.

Bilder oben - Hochzeitsgesellschaft in Ebersgöns im Jahr 1938

Um diese Frisur herzustellen, wird das Haar bei nach vorwärts geneigten Kopfe von hinten nach vorn nach dem Scheitel heraufgekämmt und mit einem schmalen Band (Haarbändel) dicht am Kopfe zusammengebunden. Ein etwa 2 cm langer Haarpfeil aus Bein, Horn oder Messing wird jetzt unter dem Bändel quer durchgesteckt. Das Haar wird in zwei Zöpfe geflochten und unter der "Haarnadel" nach vorne genommen, zu einem Kranz zusammengelegt .

Obwohl die Tracht heute nicht mehr von Kindern und jungen Mädchen getragen wird, so will ich doch versuchen, ihr charakteristisches Bild bei den Jugendlichen zu entwerfen.

Im schulpflichtigen Alter tragen die Kinder das erste Mal die Kleider, die in Schnitt, Form und Material im wesentlichen mit denen der Erwachsenen übereinstimmen. Das Mädchen hat jetzt schon das Leibchen mit dem Wulst, den Motzen und auch das faltenreiche Röckchen. Auch trägt es das Sturzhemd aus weißem Leinen und den Lederschuh, der in seiner Form nicht vom Schuh seiner Mutter verschieden ist. Auf dem Kopf hat es den aus zwei dünnen Zöpfen geflochtenen Schnatz, der bei keiner anderen Tracht in dieser Form zu finden ist. Die Kleidung der Kinder unterliegt wie die der Erwachsenen dem Gesetz von Sommer und Winter, von Werktag, Festtag und Trauer. Aber ungeachtet der erwähnten Übereinstimmung läßt es sich von einer eigenen Kindertracht sprechen. Ihre charakteristischen Merkmale liegen in der Farbengebung. So tragen die Kleinen helle Röcke, die hellblau, hellgrün, grau oder sogar rötlich sind, mit vor allem roten und hellgrün gemusterten Motzen. Hinzu kommen dann blaue Strümpfe mit Wickel und aus mehrfarbigem Garn geflochtene Strumpfbänder. Um den Kopf wird bei kühler Witterung das bunte Kopftuch gebunden, das im Nacken geknotet wird. Festtags und sonntags werden die Bandhauben (Bild unten) aufgesetzt und beim Kirchgang trägt man schon die kleine Maratze (Bild unten) eine Haube, die aus einem weißen Unterhäubchen besteht, das mit einem Atlasband kunstvoll umschlungen wird.

Bild links: Bandhaube, Bild rechts: Maratzen

Im ganzen gesehen sind die Kleidungsstücke jedoch nicht von dem "besten" Stoff, denn man begnügt sich hier mit einfachen Stoffen und Bändern. "Das Kind wächst doch schnell aus seinen Kleidern heraus" und die Eltern lassen daher von ihren schulpflichtigen Kindern keinesfalls den Prunk und die guten Stücke tragen wie z.B . von den jungen Mädchen. Ein farbenfrohes und schönes Bild ergab so die spielende Schuljugend auf dem freien Platz vor der Schule. Sehr drollig und interessant waren auch die kleinen Mädchen anzusehen, wenn sie sonntags mit ihren schwarzen Maratzen in den Kirchbänken saßen.

Bei der Jungmädchentracht wird nicht die körperliche Schönheit der Einzelperson so sehr betont, wie vielmehr das Jungmädchensein als Stand. Ihre charakteristischen Züge sind Farbenfreudigkeit und das stattlich frauliche Aussehen, das durch mehrere übereinander getragenen Röcke noch verstärkt wird. Bei den 12 bis 14jährigen Mädchen sind alle guten Stücke schon etwas auf die Jungmädchenkleidung ausgerichtet. So brauchen diese nur etwas verlängert (herausgelassen) zu werden, und sie passen wieder. Der Leibchenwulst, derjetzt ziemlich prall gefüllt wird, besteht hier im Dorf aus einem Stück, ruft die "dicken Hüften" hervor und die schaukelnde Bewegung der Röcke, welches das Kennzeichen der Bewohnerinnen von Ebersgöns, Ober- und Niederkleen ist. Die runde Form des Wulstes gilt als "Staat" und wird durch 7 bis 8 übereinander getragene Röcke noch mehr betont. Hierdurch wurde auch das "Schlaurer" (Schleudern) mit den Röcken leichter. Dieselbe Farbenfreudigkeit wie bei der Kindertracht ist auch hier vorhanden. Jedoch trägt man jetzt die Röcke nicht mehr in so hellen Farben, höchsten die Unterröcke. Die einzelnen Bekleidungsstücke werden nun aber wertvoller; das Band ist breiter, die Borten verziert, und die Stoffe zeigen eine weitaus bessere Qualität. In keiner Lebensstufe wird eine solche Pracht und ein größerer Reichtum zur Schau getragen wie bei den jungen Mädchen.

Sobald jedoch die Verheiratung stattgefunden hat, nimmt die auffallende Farbenfreudigkeit ab. Man kann so oft von den jungverheirateten Frauen hören: "Nach uns guckt ja keiner mehr". Der krasse Übergang von Festtracht oder Kirchentracht zur Trauertracht tritt nirgends so deutlich hervor wie bei den Mädchen. Das Arbeitskleid unterscheidet sich fast nicht von dem der Frauen, nur werden auch hier wieder die helleren Farben und die blauen Strümpfe getragen. Großer Wert wird auf die Sonntags- und Festkleidung gelegt. Wenn nicht von der Mutter oder Tante vorhanden, muß je ein guter schwarzer, dunkelblauer und dunkelgrüner Tuchrock angeschafft werden. Dazu gehören die passende Schürze und der Motzen, beide in helleren Farben aus Seide, Halbseide, Samt, Woll- oder Baumwollkaschmir mit farbigem Muster. Ein Hauptgewicht wird auf die richtige Auswahl der Bänder gelegt . Bei dem unteren Ärmelstück des Motzens, um den Rock, bei den Schürzenbändern und dem Brustschlupp muß die Farbe gleich oder wenigstens auf einander abgestimmt sein. Die verschleiften Stücke des Schluppes, die quer über die Brust laufen, bilden mit den herabfallenden Endstücken einen rechten Winkel. Letztere fallen bis in die halbe Schürze hinunter.

Brautpaar - Wilhelm und Erna Jung

Alle Bänder, die zusammen gut 10 Meter lang sind, werden zu beiden Seiten mit einer Borte versehen. Bei den Schürzenbändern und dem Schlupp werden an die Enden noch Silberfransen genäht. Das "Zwerchband" (weil es quer gemustert ist) in Samt oder Seide ist hierbei das beliebteste. Die reicheren Mädchen trugen früher häufig 

Doppelband. (Es war außer dem Blumenmuster noch mit Silberfäden durchwirkt) Daher kam auch die Bezeichnung: "Ein Mädchen wie Doppelband". Nicht vergessen möchte ich das Hals- oder Kopftuch, das sonntags aus Seide, Samt oder Wollmousselin mit bunten Blumen und seidenen Fransen getragen wird. Im Winter werden jedoch Wolltücher bevorzugt. Besonders hervorgehoben zu werden verdient das Brauthalstuch (siehe nachfolgendes Bild).

Es besteht aus feinstem schwarzen oder blauen Tuch mit in zwei gegenüberliegenden Ecken befindlichen, prachtvollen Stickereien. Die eine Stickerei ist vollkommen weiß, während die andere dagegen in den leuchtendsten Farben gehalten ist. Dieses Tuch wurde ursprünglich nur von der Braut getragen, dann aber auch von den Mädchen bei besonders hohen Ehrentagen. Es waren gleich zwei Tücher in einem je nachdem welche Stickerei man sehen ließ. 

Für den Kirchgang, den Sonntagnachmittag, das Fest, die Trauer und das Abendmahl mußten so die passenden Kleider angeschafft werden. Alle Stücke auf einmal anschaffen zu können, ist den wenigsten Familien hier im Orte möglich, daher wird ein wertvolles Kleidungsstück nach dem anderen im Laufe der Jahre angeschafft. Vielfach hat die Mutter jedoch noch ein oder das andere Prachtstück, und andererseits schenkt die Tante oder Gote dies oder jenes zur Konfirmation oder zum Geburtstag. Bei allen Teilen spielen die Farben Rotgeblümt, Hellblau, Grün und Violett eine hervorstechende Rolle. 

Beim Kirchgang und bei einer Festlichkeit wird scharfe Musterung nach neuen Trachtenstücken gehalten und oft strenge Kritik geübt. Da ist keine von den Mädchen, die es nicht sieht, wenn die eine oder die andere etwas Neues angelegt hat. 

Alle Trachtenstücke, außer den Bändern, Tüchern und Hauben, wurden in früheren Zeiten selbst hergestellt, entweder aus Wolle, Leinwand oder aus Leinwand mit Baumwolle durchwebt. Man konnte daher mit Recht sagen: "Selbst gesponnen, selbst gemacht, ist die beste Bauerntracht". In jüngerer Zeit, wo die Schafzucht verschwunden und die Flachsbearbeitung weggefallen ist, werden die Stoffe angeschafft, aber doch noch selbst zugeschnitten. Die Tücher und Bänder bezog man vor dem Kriege aus Südfrankreich und zwar aus Lyon. Selbst Stickereien bei den Kleidungsstücken kannte man fast nicht. Sie beschränkten sich auf kleinere Stickarbeiten am Kragen, an den sichtbaren Schulterstücken und am Halsbund. Die guten Festtagskragen waren jedoch mit einem schmalen Band, Hellerchen (kleine bunte Metallplättchen), Klappergold und anderem Zierrat reich besetzt. Auch die Achselstücke der Leibchen zeigen gewöhnlich etwas Selbststickerei.

Ein wichtiges Kapitel ist die Anschaffung der Hauben. Drei Arten sind hier nötig: Die Bandhaube, die Maratze und die Ziehhaube. Die beiden ersten trugen die Mädchen schon während ihrer Kinderjahre, aber sie müssen jetzt durch neue ersetzt werden, weil die alten abgetragen sind. Die Ziehhaube (Bilder unten) wird zum erstenmal bei der Konfirmation getragen.

Bilder - Ziehhauben

Die Herstellung und Ausbesserung der Hauben kann nur die Haubenwäscherin, die für die Ebersgönser in Pohlgöns wohnt. Nur sie versteht es auf der weißen gestärkten Unterhaube die ebenfalls weiße Ziehhaube aufzustecken. - Das Stricken der Strümpfe mit ihren Zwickeln lernen die Mädchen schon während der Schulzeit in der Nähschule. Von den modischen Strümpfen weichen sie durch geringere Länge, ein Börtchen am Knierande und die Zwickel ab. Man strickt hier Gerstenkorn, Hirsekorn, Treppchen, Schlangenzüge und Zöpfe ein. Diese Verzierungen sind schon alt und wurden hervorgebracht, als die kürzeren Röcke die Strümpfe sichtbar werden ließen. Die Strumpfbänder wurden früher aus 5 verschiedenen Farben geflochten und ließen das Sparrenmuster entstehen; heute sind die Bändel bei den Frauen fast nur noch in schwarz vorhanden und durch die längeren Röcke nicht mehr zu sehen. 

Ein enges Gemeinschaftsband wird bei den jungen Mädchen von Ebersgöns durch die Spinnstube im Winter geschaffen.

Hierzu zieht man die selbstgenähten Stramminschuhe an, die farbige Muster zeigen und mit Waschband eingefaßt sind (Bild unten).

Bild - Brautschuhe

Ein ähnlicher Brauch ist das Fastnachttreiben, das sich über 3 Tage erstreckt und in 3 verschiedenen Häusern abgehalten wird. Hierzu ziehen die Burschen häufig Mädchentracht an und die Mädchen die Kleidung der Burschen.

Für die Verheirateten ist die Spinnstube nicht da. Von ihnen verlangt die Sitte einen gemessenen Ernst. Sehr deutlich kommt das auch bei der Tracht zum Ausdruck. Die Frau geht nicht mehr in dem hellen und auffallenden Kleid der Mädchen. Ihre Röcke,Motzen und Schürzen sind dunkel und einfacher gehalten. Das Rot tritt jetzt ganz zurück. Zwar werden die hellen Stücke aus der Jungmädchenzeit aufgetragen. Bekommt die Frau jedoch einmal Trauer, so legt sie die hellen Kleider auch nach der Trauerzeit nie mehr an. In allen Bekleidungsteilen herrscht jetzt das Dunkelgrün, Dunkelblau, Grau und Grauweiß vor. An eine einzige Farbe ist der Stand nicht gebunden, obwohl die Kleiderordnung in dem ersten und zweiten Feiertagskleid bestimmte Farben vorschreibt. Je älter die Frauen werden, desto einfacher wird ihre Tracht. Trauer und Halbtrauer schreiben jahrelang Schwarz vor, und sie bleiben dann auch bei Schwarz oder Grau. Werktags sieht man vielleicht noch eine einfache schwarz mit weiß getupfte Schürze oder Motzen, jedoch auch nur in wenigen Fällen. Auch werden die Haarzöpfe nicht mehr geflochten, sondern gedreht. 

Die Frauentracht ist heute dem Untergang geweiht, ihre Gesetzmäßigkeiten treten nicht mehr so deutlich in Erscheinung, aber sicher wurden diese streng vor dem Weltkrieg eingehalten und vor allem als die Männertracht noch lebendig war (vor 1870/71 ) und parallele Stufungen nach Lebensstand und -alter aufwies. Die Kleidung der Männer läßt sich heute nicht mehr genau feststellen, ist sie jedoch seit 1850 im Schwinden und wird nach dem Krieg 1870/71 gar nicht mehr hier getragen. 

Kniehose, Schnallenschuhe, Pelzmütze und Dreimaster waren jetzt verschwunden und lebten nur noch in der Erinnerung. Auch den blauen Kittel, der aus Leinen bestand und sonntags mit weißen Knöpfen getragen wurde, legte man ab. Im folgenden werde ich mich daher nur noch mit der Frauentracht beschäftigen.

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