Wie in den meisten kleineren Dörfern hat auch in Ebersgöns jedes Haus seinen eigenen Namen, der nichts mit dem Familiennamen zu tun hat. Diese Bezeichnung der Einwohner nach ihrem Hof ist stärker verwachsen und eingebürgert als der amtliche Namen. Jeder kennt sofort den Betreffenden, wenn man ihn bei seinem örtlichen Namen nennt; häufig kommt es aber vor, und das vor allem bei alten Leuten, daß sie sich besinnen müssen, wenn man den Familiennamen nennt. Der Ebersgönser ist in seiner ganzen Lebenshaltung äußerst genügsam und sparsam, ja oft sogar etwas geizig. Bedingt ist dies zum großen Teil durch die nicht allzu günstige wirtschaftliche Lage der Bewohner. Das Land ist teilweise sehr schlecht und steht ihm andererseits nicht im ausreichendem Maße zur Verfügung, daher müssen viele Familienväter noch einen Nebenverdienst suchen. Durch diese Eigenart aber findet man gerade hier im Dorf gegenüber den Nachbardörfern viele Familien, die sich finanziell gut stehen. Nicht mit Unrecht nennt man die Ebersgönser in den benachbarten Orten die Geldmänner und mit ihrem Spitznamen die Hoinkmänner (Honig).

Die Hofgemeinschaft bildet eine lebendige Einheit durch zähes Festhalten an dem, was von den Eltern ererbt wurde. Man läßt es nicht so schnell dazu kommen, daß eines der Grundstücke verkauft wird, denn sie sind in der Familie etwas Heiliges und Lebensnotwendiges. 

Die Großfamilie ist charakteristisches Kennzeichen der Hofgemeinschaft. Der Grundgedanke bäuerlichen Daseins bestimmt bei uns vor persönlicher Neigung die Ehe. Die Eltern des jungen Burschen fragen nicht danach, wie das Mädchen, das er sich erwählt hat, aussieht, welche Charaktereigenschaften es besitzt, sondern sehen einzig und allein nach seinen Vermögensverhältnissen. So wird denn auch die Hochzeit ganz nach dem Besitz der Eltern gehalten. Das "Nest" der Braut, mit ihrem offenen Haar unter der Krone , ist jedoch, wie auch heute noch der weiße Flor in der Gemeinde, das Zeichen ihrer Jungfräulichkeit. Der Anzug der Braut unterscheidet die Kirchentracht und das Tanzkleid, bei denen das gleiche Aufgebinde getragen wird. Die Grundlage der Trauungskleidung ist das Abendmahlskleid mit dem weißen Tülltuch über der Schürze (Bild).

Bild - Hochzeitspaar

Nach der kirchlichen Trauung wird der Tanzanzug angelegt, in dem sich auch die Braut photographieren läßt. Hat jedoch die Braut Trauer, so bleibt sie bei der dunklen Kirchentracht, legt nur die weiße Tüllschürze ab und trägt auch ein dunkles Aufgebinde. Rot kommt hierbei nicht vor. Das charakteristische Gepräge des Hüttenberger Brautschmuckes ist die Krone mit dem Hang . Ihn anzulegen nimmt drei Stunden Zeit in Anspruch, wird doch der Schmuck Stück für Stück festgenäht. Ich will hier kurz den Vorgang des Aufbindens schildern: Um einen kleinen Haarbündel der Braut wird oben auf den Kopf ein ringförmiger Wulst genäht, während das übrige Haar über den Rücken herunterfällt oder im Nacken geknotet wird. Auf dem Ring wird nun die Spitze der Krone festgenäht, die aus künstlichen Blumen, Blüten, Perlen, Nadeln und sonstigem Flitterwerk besteht. Unten an dieses Kränzchen schließen sich zwei ringförmige an, über die Ohren fallen die Ohrenschmücker, die aus zwei Silberborten mit Perlen bestehen. Alle Teile werden auf der Hinterseite des Kopfes zusammengebunden. Daher kommt auch die Bezeichnung Braut aufbinden und "Offbennersche". Am hinteren Rande des Ringwulstes wird dann der Hang befestigt, der aus verschiedenen bunten Doppelbändern besteht, den ganzen Rücken bedeckt und bis auf die Rockfalten reicht. Am unteren Ende ist er 60 cm breit und läuft nach oben auf 30 cm zusammen. Auf jedem Band befindet sich ein Zug aus bunten künstlichen Blümchen, Vergißmeinnicht, Veilchen, Maiglöckchen, Rosen, Stiefmütterchen, bunten Perlen, Zitterdraht, Myrten und sonstigem Zierrat. Die Züge schlingen sich so aneinander, daß alles wie ein bunter, schillernder Teppich aussieht, der am unteren Ende in einem Saume Silberfransen - Hauptmannstrossen - endigt, die wiederum mit Perlen und Hellerchen verziert sind.

Nach alten Überlieferungen sollte für den ganzen Brautschmuck kein Faden verwendet werden, um etwas anzunähen. Das ganze Kunstwerk mußte mit Stecknadeln zusammengesteckt werden, wozu man etwa 500 brauchte. 

Eine weitere wichtige Rolle spielen am Anzug der Braut der Brust- und Sackschlupp und der Leibgurt. Alle Teile sind breite Doppelbänder, die ganz und gar mit Silberborten und Perlen besetzt sind. Über dem Brustschlupp wurde früher ein zweiter aus schwarzem Samt mit weißen Blumen getragen, genau wie die Schürzenbänder. Der Leibgurt wird von rechts um die Hüften gelegt, und auf der linken Seite wird der Sackschlupp daran befestigt. Um den Hals trägt die Braut eine mehrfache Perlenkette. Der Rock ist aus schwarzem Tuch und alle Bänder um den Rock, den Motzen und um die Schürze sind aus schwarzem Samt mit weißen Blumen. Motzen und Schürze selbst sind ebenfalls aus schwarzem Samt mit weißen Blumen. Aus den Motzenärmeln sehen breite weiße Tüllspitzen. Heute ersetzt das farbige Seidentuch um den Hals den früher getragenen schwarzen Flor. Die Strümpfe sind aus feinem schwarzen Wollgarn gestrickt, und die Schuhe bestanden bei den letzten Bräuten aus schwarzem Lackleder mit einer breiten Silberborte. Früher trug man einen großen Schlupp auf den Schuhen. In der Hand hat die Braut ein weißes Taschentuch mit einem Rosmarinzweig. Ehemals war in dem Tuch noch eine Zitrone, die auf den Altar gelegt wurde und für den Geistlichen bestimmt war. Fragt man nach dem Sinn dieser drei Gegenstände, so muß man sagen, daß der Rosmarinzweig seit altersher die Stelle der Myrte vertrat. Die Zitrone wurde als die edelste Frucht angesehen, und das Taschentuch galt als Zeichen der Reinheit. Das Aufgebinde muß nach alter Sitte bis Mitternacht aufbehalten werden. 

Der Bräutigam trägt auf der linken Brustseite ein künstliches Sträußchen und einen kleinen Schlupp mit Dresseln. Sein Anzug erinnert in keinem Stück mehr an die alte Tracht, die auch heute nicht mehr feststellbar ist. Nach Erzählungen soll der Bräutigam früher zwei schwarze Bänder am Zylinder getragen haben, die über die Augen herunterfielen und ihn hindern sollten, der Braut in die Augen zu sehen.

Nicht jede Braut hatte ihr eigenes "Nest", es gab hier im Dorf nur zwei oder drei, die entlehnt wurden. Es war zu kostspielig, denn ein neues Aufgebinde hat über 100,- RM gekostet. Häufig war es jedoch Eigentum der Aufbändersche, die es gegen eine Leihgebühr von 6 bis 8 Mark für den Hochzeitstag entlieh. Die letzte Aufbinderin wohnte für die Ebersgönser in Dornholzhausen. So trug fast jede Braut an ihrem Ehrentage dieselbe Brautkrone mit Sackschlupp, Brustschlupp und Leibgurt. 

Alle geladenen Gäste tragen am Hochzeitstage ihre besten Kleider und wenn dann die Trauung vorbei ist, wird die Bandhaube zum Tanz aufgesetzt. Man mußte sich also ebenso wie die Braut daheim erst umziehen. Die Brautjungfern tragen das Brauthalstuch mit der bunten Farbenstickerei nach oben und um den Hals eine mehrfache Perlenkette.

Beim Läuten der Glocken eröffnet das Brautpaar, das nebeneinander hergeht, den Hochzeitszug. Auf dem Weg zur Kirche muß sich der Bräutigam den Weg, den Schulbuben durch ein Seil versperrt haben, öfters freikaufen. Ist die Trauung vorbei, und alles hat sich umgezogen und Kaffee getrunken, so wird im Wirtshaus getanzt. Die ganze Dorfjugend nimmt am Tanz teil, und die ungeladenen Gäste sind hier die "Werktagse". Die Mahlzeiten werden jedoch im Hochzeitshaus eingenommen, wobei die Aufwartemädchen weiße Schürzen tragen, die rundum mit Spitzen besetzt sind. 

Bei einer Kindtaufe tragen die jungen Patinnen (Präumare) ein Kränzchen auf dem Kopf, das dem obersten Kränzchen der Braut ähnlich sieht. Es wird an dem Schnatz festgebunden und hat hinten am Kopf eine große seidene Schleife. Sonst tragen die Patinnen den besten Staat mit der Perlenkette. Über den Täufling legte man das Brauthalstuch als Decke, das so eine besondere Zierde im Taufakt war. Die Gote übernimmt durch die Taufe nach ungeschriebenen Gesetzen die jährlichen Geschenke an Weihnachten oder Neujahr. Am Konfirmationstag hört dieses Schenken auf, bis dann der Hochzeitstag wieder neue Bindungen schafft.

 

                                                                   zurück                                 weiter